Warum ich alleine Reise – trotz Ehe

Als verheiratete Frau alleine um die halbe Welt zu reisen – für 5 Wochen – das ist ungewöhnlich. Manche reagieren mit Unverständnis oder glauben meine Ehe sei kaputt, ich könne meinen Mann nicht lieben, sei egoistisch. Andere finden es stark und bewundernswert, dass ich das mache. Wieder andere, und das sind die wenigen, die mich gut kennen und sich länger mit mir darüber unterhalten haben, sagen: „Es ist genau das richtige, dass du das machst. Mach das!“

Ich selbst tingle irgendwo dazwischen. An manchen Tagen denke ich mir, „Was bist du für eine ‚tolle‘ Ehefrau, so etwas ohne deinen Mann zu machen.“ An der Mehrzahl der Tage jedoch empfinde ich genau diese Stärke, die der Gedanke allein zu reisen in mir auslöst, und viel mehr noch – pure Freiheit. Und da ich keinen anderen Weg weiß, in dieser Hinsicht schlauer zu werden, bestätigt mir der innere Konflikt konstant: „Es ist genau das richtige, dass du das machst. Mach das!“

Wer meinen Entschluss verstehen will, muss meine Ehe verstehen, muss viel mehr noch meine Persönlichkeit verstehen. Und das Ziel meiner Reise natürlich. Amerika, ja. Aber das größere Ziel, die Absicht, meine ich.

Fangen wir vielleicht bei meiner Persönlichkeit an, denn die war schon da, bevor ich geheiratet habe und lange bevor ich die Reise gebucht habe.

 

Mein größtes Verlangen: Freiheit

Ich bin soweit ich zurück denken kann ein sehr freiheitsliebender Mensch. Es hat nur lange gedauert, bis ich das erkannt habe und mich so auch akzeptieren konnte. Ich habe zum Beispiel schon als Kind nicht verstanden, warum ich verpflichtet bin in die Grundschule zu gehen, wenn ich keine Lust dazu habe. Oft geriet ich in Situationen, in denen ich mich frei machen wollte, von Zwängen oder anderen Menschen. Doch ich blieb meistens brav, einfach aus dem Grund, dass ich mich nicht getraut habe. Wäre ich nicht so ein Schisser gewesen, wäre ich wohl ein Rebell gewesen – und vielleicht heute ohne Schulabschluss auf der Straße. Oder aber ich wäre schon viel weiter als jetzt, weil ich mich nicht immer von Ängsten hätte ausbremsen lassen. Wer weiß. Aber ich schweife ab. Tatsächlich geht es jedoch im Grunde um Risiko. Freiheit bedeutet auch immer ein Risiko. Aus der Sicherheit der Gewohnheit auszubrechen ist ein Risiko. Eines, dass mich so häufig zurück gehalten, doch auch immer gereizt hat.

IMG_20140730_121049Der Gedanke ein Leben lang am selben Ort zu verbringen hat mir hingegen immer ein abscheuliches Gefühl bereitet. Wofür bin ich denn die paar Jahre hier auf der Welt, wenn ich nicht so viel wie möglich von diesem Planeten, seinen Kulturen, seinen Sprachen und Menschen entdecke? Nicht das Leben am Strand oder bei gutem Essen genieße, sondern tagein tagaus im Büro verbringe? Sehr lange, abenteuerliche Reisen habe ich bisher nicht unternehmen können. Meistens waren es herkömmliche Hotelurlaube für 2 Wochen. Doch die paar Momente, in denen ich mich plötzlich allein irgendwo auf der Welt wieder gefunden habe, habe ich immer am meisten genossen: den fremden Ort einatmen, alles in meinem individuellen Tempo erleben, spontan entscheiden, in welche Ecken es mich verschlägt, und gaaaanz viel nachdenken.

In Hotelurlauben in denen man zu zweit neben einander am Pool lag, habe ich mich nach spätestens 3 Tagen gelangweilt und meine Arbeit vermisst. Jedoch war das auch, wenn man durch durchaus interessante Städte geschlendert war, nicht sehr anders. Ich brauche fast immer auch irgendeine Art von Output – so wie gerade einfach alles aufzuschreiben, einen Song daraus zu machen oder ein Video darüber zu drehen.

Jetzt weißt du ungefähr ein bisschen davon, wie ich mir ein Leben vorstelle, das ich liebe und genieße – reisen und dabei von überall aus arbeiten können. Dieser Wunsch war schon immer da, wurde jedoch erst vor einigen Monaten richtig konkret, als ich vom Konzept des Digitalen Nomadentums erfuhr. Die Reise ist für mich also auch ein Weg diese Lebensweise für mich auszutesten.

Gehen wir weiter zum Aspekt der Partnerschaftlichkeit.

 

Rational oder emotional entscheiden? Und worin liegt für mich das Glück in der Liebe?

Wäre ich kein Schisser, wäre ich ein Rebell. Und würde ich mich nicht so nach Vertrautheit und Geborgenheit und Treue sehnen, wäre ich wahrscheinlich auch mein Leben lang Single geblieben, da ich mich nach einiger Zeit immer wieder neu in jemanden verliebte. Ich habe mich lange dafür gehasst und versucht es zu unterbinden, doch es ging nicht. Mir ist unbegreiflich, wie man sich nicht in einen Menschen verlieben kann, der einen total umhaut, wenn man ihn kennen lernt. Und davon soll es nur einen geben? Ich sag das extra so zynisch, mir ist schon bewusst, dass die meisten Menschen Polyamorie wahrscheinlich nicht nachvollziehen könnten. Ich weiß ja selber nicht, ob ich so leben könnte oder wollte. Ich kenne doch selbst das starke Gefühl, der einzige begehrte Mensch im Leben eines gewissen anderen Menschen sein zu wollen.

Hach, es ist kompliziert! Und da ich bisher nie eine Lösung gefunden, aber in meinem Mann einen verständnisvollen, geduldigen Menschen gefunden habe, der im Gegensatz zu den meisten Männern, mit denen ich bisher zusammen war, in keinerlei Probleme verstrickt und die Ruhe selbst war – deshalb habe ich mich getraut ihn zu heiraten.

 

Warum heiraten?

Es schien, das einzig Logische zu sein, da ich mir doch immer eine Ehe gewünscht habe, allein schon wegen meiner christlichen Prägung. Und er kannte mich in und auswendig, weiß über all das Bescheid, was in mir vorgeht, da wir schon für mehrere Jahre „nur“ befreundet waren und immer offen und ehrlich über alles gesprochen haben. Er hatte keine Angst. Worauf wartete ich also noch? Da hab ich den „perfekten“ Mann und traue mich nicht, ihn zu heiraten, weil es sich irgendwie komisch anfühlt in der Bauchgegend? Alle versicherten mir, so etwas sei normal vor einer Hochzeit, und er versicherte mir, dass wir niemals, niemals wissen können, ob es für ewig hält und er sich bewusst ist, wen er da heiratet.

Also tat ich es.

Das Problem ist: Das komische Bauchgefühl ist nicht weg gegangen. Gut, ich bin schon froh, dass die Zeremonie vorbei ist, es war mir unbehaglich etwas so Privates vor den Augen aller so offiziell zu besiegeln. Das hat einen unheimlichen Druck auf mich gelegt, dem ich fürchtete nicht gerecht werden zu können. So fühle ich immer noch. Denn was wissen die anderen schon, was wir uns bei dieser Hochzeit gedacht haben? Die sehen nur das perfekte Paar, den perfekten Ehemann, den man nie wieder gehen lassen kann.

Ein weiteres Problem dabei ist: ich war nie so richtig, richtig in ihn verliebt. Halte mich für dumm, aber ich habe gedacht, das sei nicht so wichtig. Wer meine Vergangenheit kennt, versteht vielleicht besser, warum. Ich habe immer wieder sehr emotional gehandelt und entschieden, wenn es um Beziehungen geht – sehr impulsiv. Und es ist immer wieder in Qualen resultiert. Zeitweise hatte ich sogar Depressionen und mich sehr ungesund verhalten.
Dann gab es eine Phase in der ich überzeugt war, auf den einen Mann warten zu müssen, den ich mal heirate und mit dem ich dann für immer zusammen bleibe. Das war für mich eine neue Ausrichtung in Sachen Partnerschaft, die mir half mich nicht an jeden X-beliebigen zu verschwenden. Und dadurch rückte das romantische, monogame Ziel der Ehe für mich in den Vordergrund.

Dass ich mit meinem „Kumpel“, meinem heutigen Ehemann, überhaupt erst zusammen gekommen bin, war – genauso wie die Entscheidung zu heiraten – eine überwiegend rationale Sache. Wir lieben uns heute. Ja, wie? Irgendwie halt. Wie soll man Liebe beschreiben, definieren und kategorisieren? Wir sind gerne beieinander, wir schätzen einander sehr und bereichern unsere Leben. Aber ich hatte mich nie richtig in ihn verliebt. Ein Freund hatte damals aus Spaß gesagt: „Hey, der wäre doch eigentlich der perfekte Mann für dich?“ Und über diesen Satz hatte ich immer wieder nachdenken müssen. „Ja, irgendwie schon, das stimmt,“ dachte ich. Der Gedanke ließ mich nicht mehr los. Und ich bekam ein Kribbeln im Bauch, alleine wegen der Vorstellung. Aber warum hatte ich mich all die Jahre vorher nie in ihn verliebt? Und warum hatte ich ihm gegenüber nie diese Gefühle verspürt, die ich trotz allem immer noch haben kann, wenn ich jemanden kennen lerne, bei dem es einfach richtig heftig funkt?

e72b4797-87bf-4e65-8826-1d29cab15108

 

Was sagt dein Bauchgefühl?

Ich habe solche Gefühle in den letzten Jahren für nichtig, irreführend und fehl am Platz gehalten. Inzwischen halte ich sie für verdammt wichtig – wichtig, damit wir glücklich sein können. Nicht nur zufrieden. Zufrieden bin ich, ich kann mich echt nicht beklagen. Aber dürfen wir nicht auch glücklich sein? Warum tun wir uns das selbst an, unsere Gefühle zu unterdrücken, wo sie doch genau so zu unserem menschlichen Wesen dazu gehören, wie unser Verstand?
Offenbar hatte ich die Balance zwischen beidem bisher nicht gefunden. Vielleicht komme ich ihr gerade auf die Schliche.

Ich weiß nicht, was ich sein soll – Single, Ehefrau, Affaire. Ich will einfach Ich sein, unabhängig von all diesen Rollen, und das bin ich auch und das darf ich auch sein – das ist mir ganz wichtig. Aus einer Konstellation in der ich nicht Ich sein dürfte, würde ich langfristig den Ausstieg suchen. So habe ich es bereits einige Male getan.

 

„Es ist genau das richtige, dass du das machst. Mach das!“

Dennoch ist es auch nicht unwichtig, wie es jetzt weitergeht. Seit der Eheschließung kann ich mich zumindest immer noch nicht mit dem Attribut „Ehefrau“ anfreunden. Dabei kräuseln sich mir die Nackenhaare, da ich mich so irgendwie nicht sehe.
Und sogar in dieser Hinsicht versteht er mich. Er versteht mich so sehr, dass er mich sogar in dieser Reise unterstützt. Ja, auch er ist einer von denen, die sagen „Es ist genau das richtige, dass du das machst. Mach das!“
Genau wie ich sieht er darin eine Möglichkeit, dass ich Klarheit gewinne, wer ich sein will als Mensch, wie viel Freiheit ich brauche, ob ich ortsunabhängig um die Welt reisen will, ob ich das allein tun will oder mit einem Partner – und mit was für einem Partner. Vielleicht er. Vielleicht lerne ich, was Liebe ist. Vielleicht habe ich zu sehr auf meinen Verstand gehört und meinen Gefühlen nicht vertraut. Vielleicht zweifle ich auch jetzt nur wie eine Bekloppte, ohne das Glück wahrzunehmen, das vor meinen Füßen liegt. Vielleicht brauche ich den Abstand um zu erkennen, wie sehr ich ihn will. Oder auch nicht.

Ich weiß es nicht. Nicht jetzt.

Ich weiß nicht, ob sich mir all diese Fragen erschließen werden, oder ob ich mit noch mehr Fragen zurück kehre. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass ich eine Menge lernen werde in der Zeit – auch über mich selbst. Es ist genau das richtige, dass ich das mache. Ich mach das!

 

Keine Angst, das Leben geht weiter.

Wenn du da draußen schlauer bist als ich, dir gerade denkst, wie naiv ist sie, wie dumm ist sie, wie egoistisch ist sie, … es war nicht leicht diesen Text hier zu schreiben und zu veröffentlichen. Bitte lass mich meine Erfahrung allein machen. Für anerkennende Worte bin ich offen, aber bitte verurteile mich nicht. Ich habe dir schon viel persönliches preisgegeben, dennoch bleibt es nur ein winziger Ausschnitt aus meinem bisherigen 30 jährigen Leben, aus all den Gefühlswelten und all den stundenlangen Gesprächen, die mein Mann und ich führten. Am Ende müssen er und ich wissen, wie es weiter geht. Doch wie er, habe auch ich keine Angst. Diese Reise wird nicht einfach, aber sie wird trotzdem unwahrscheinlich schön und aufregend, und in Form dieses Lebens wird sie niemals aufhören. Das Leben geht immer weiter.

Teile diesen Beitrag mit jemandem, der ihn interessant finden könnte:

Share on facebook
Facebook
Share on twitter
Twitter
Share on whatsapp
WhatsApp
Share on pinterest
Pinterest
Share on email
Email

1 Kommentar zu „Warum ich alleine Reise – trotz Ehe“

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Rebecca

Rebecca

Meine Mission ist: Forschen. Entdecken, mehr über uns Menschen, unsere Gemeinsamkeiten und Unterschiedlichkeiten, das was uns einzigartig macht und das was uns gemein ist, über Kommunikation - unsere Kommunikation. Wieso haben wir so viele Missverständnisse, wie Konflikte im Kleinen bis hin zu Kriegen? Frieden, Liebe bringen und Bewusstsein, Bewusstheit, bewusst werden von Mustern, automatisierten Abläufen. Höhere Perspektiven einnehmen. Heilen. Aufklären. Aufklären, wie es ist für Menschen, die psychisch leiden, die Gesellschaft dafür sensibilisieren. Verstehen. Liebe. Anderen Menschen Verständnis entgegenbringen. Zeigen, dass sie nicht allein sind. Sie nicht verurteilen. Wertschätzung. Authentizität. Offen sein. Transparent. Kein Verstecken. Kein Tabu. Zeigen, du bist nicht allein. Wir fühlen uns isoliert und allein. Wir fühlen uns komisch, schämen uns. Jetzt schämen wir uns nicht mehr. Es geht hier um Scham, nicht nur um allein sein. Ich kenn das ja selber. Ich fühle mich fremd. Es hat was mit fremd zu tun. Sich komisch fühlen. Sich schämen, dafür wie man ist. Teilen. Mein Leben teilen. Mein Erleben teilen. Meine Geschichte teilen. Inspirieren. Trost schenken. Wachrütteln. All das ist meine Mission.
ANMELDUNG:
7 TAGE CBD E-MAIL REIHE

Sag mir einfach, wie ich dich nennen darf und wohin ich meine E-Mails schicken soll, und du bekommst umgehend Post von mir!