Mein Mai – Grenzen zwischen Liebe und Angst

Ich war die vergangenen Wochen online ziemlich inaktiv. Mir ging es psychisch sehr schlecht und heute habe ich den Mut und die Kraft euch zu erzählen, was mir passiert ist.

Ende Oktober 2017 lernte ich meinen Nachbarn kennen, der im selben Hausflur mir direkt gegenüber wohnte. Anfangs schoben wir uns kleine Briefchen unter der Tür hindurch. Das war aufregend. Die Freude, wenn ein neuer Zettel da lag.

Durch seine charmante Art und seine Komplimente gelang es ihm schnell mich zu verzaubern. Es tat gut, wie er mir seine Zuneigung zeigte, so ganz direkt und süß.

Er kam mit in Gottesdienste und las mit mir in der Bibel.

 

Schließlich fragte er mich, ob ich seine Freundin sein möchte.

Ich fühlte mich tausend mal begehrter als in vorherigen Begegnungen mit Männern. Und da ich während der ganzen Zeit mit Gott über alles sprach, war ich glücklich und glaubte daran, dass er uns zusammen geführt hat. Ich meine, wir waren Nachbarn. Jeder hatte seine eigene Wohnung und trotzdem konnten wir zusammen wohnen. Wie genial war das bitte?!

Von Anfang an erzählte er mir auch davon, wie weh ihm seine Exfreundin getan habe. Sie habe ihm ständig Vorwürfe gemacht, an ihm kritisiert, ihn beleidigt und sei sogar handgreiflich geworden. Er war mehrere Jahre mit ihr zusammen und habe sie schon lange nicht mehr geliebt. Er sei nur immer wieder zu ihr gefahren, da die beiden ein Kind zusammen haben. Zudem verbiete sie ihm häufig das Kind zu sehen und blockierte ihn immer wieder auf WhatsApp.

Ich war schockiert, wie schlecht er offenbar behandelt wurde und wie lange er es mit ihr ausgehalten habe. Ich erklärte mir das so, dass er sich solch einer Erniedrigung wohl nur deshalb aussetzte, da er wahrscheinlich noch nie erlebt hat, wie es ist, gut und liebevoll behandelt zu werden. Das wollte ich ihm geben!

 

Im Verlauf der Beziehung kam es immer häufiger zu Streit.

Er wurde schnell aufbrausend, redete sehr herablassend über andere Menschen – auch Personen, die zu meinem Bekanntenkreis gehörten – und äußerte des öfteren Gewaltfantasien. Ich merkte, dass ich nicht gut damit umgehen konnte. Mich schüchterte dieser Charakterzug an ihm ein. Ich wurde sauer und äußerte dies. Doch sein Ärger wurde dann noch größer. Sehr oft gerieten wir somit in einen Kreislauf aus Vorwürfen und Anklagen. Ich fühlte mich unverstanden und erniedrigt.

Manchmal wurde er bereits wütend, wenn ich lediglich und völlig ohne Vorwurf meine Gefühle äußerte. Seine Reaktion brachte mich zum weinen. Wenn ich weinte, wurde er wütend und unterstellte mir, dass ich mit Absicht weinte, um ihn damit „runterzuziehen“. Mehrere Male steigerten wir uns soweit hinein, dass ich eine Panikattacke bekam.

Je häufiger unsere Streits wurden, desto mehr Angst bekam ich. Angst davor ihn durch harmlos gemeinte Äußerungen wütend zu machen. Angst, dass er einen mir nahestehenden Menschen grundlos angreifen würde. Angst vor einer gemeinsamen Zukunft mit gemeinsamer Wohnung, gemeinsamen Kindern, gemeinsamem Besitz. Angst vor der Beziehung mit ihm.

Doch gleichzeitig hatte ich auch Angst mich zu trennen. Ich war doch verliebt in ihn. Ich wollte mich doch nicht schon wieder mit Hoffnung auf etwas eingelassen habe, um es doch wieder zu beenden. Wir wollten uns doch beide. Und mit einer Trennung wäre ich doch noch unglücklicher oder nicht?

 

Ich hatte Angst. Und ich wusste keinen Ausweg.

Schon deswegen nicht, weil wir Tür an Tür wohnten. Wenn ich wegen eines Streits Zeit für mich wollte, bedrängte er mich für gewöhnlich, indem er an die Tür klopfte, klingelte, anrief und dies immer fordernder tat, wenn ich nicht reagierte.

Eines Tages suchte ich das Gespräch mit meiner Schwester. Ich wollte mich ihr anvertrauen, ihre Einschätzung wissen. Es tat gut, von ihr verstanden zu werden. Sie versicherte mir, dass ich jederzeit zu ihr kommen und auch für eine Weile bei ihr bleiben könne, falls es mir zunehmend schlechter ging.

Die nächsten Wochen beobachtete ich, wie es mir in der Beziehung ging. Mehrere aufeinanderfolgende Tage lief alles gut, ohne dass wir uns stritten. Wir hatten sogar sehr schöne Tage und ich war verliebt und hatte Glücksgefühle. Meine Hoffnung stieg. Ich sagte mir, dass ich vieles einfach mehr so sehen müsse wie er und alles etwas lockerer angehen müsse und dass es dann schon klappen würde.

Doch dann kam alles auf einmal. Er verlor zum wiederholten Male seinen Job. Ich war enttäuscht und bekam Angst. Nicht wegen der Tatsache an sich, dass er einen Job verloren hatte, sondern wegen der vermeintlichen Gründe. Ihm wurde schon öfters gekündigt und ich bekam Angst, dass er nicht diszipliniert und verantwortungsvoll genug war, um eine stabile gemeinsame Zukunft mit mir aufbauen zu können. Ich warf ihm das aber nicht vor, sondern wollte dies erst mal für mich allein verarbeiten.

Dies akzeptierte er aber nicht, sondern drängte mich, ihm die Tür zu öffnen. Er wolle getröstet werden und dass ich ihm sage, dass alles gut werde. So sehr ich ihm das geben wollte, ich konnte es in diesem Moment nicht. Ich musste das erst selbst einmal verdauen, doch das erlaubte er mir nicht. Er wurde wütend, dass ich jetzt nicht für ihn da war.

Zwei Tage später wurde auch noch sein Firmenwagen abgeschleppt, weil er wieder einmal im Parkverbot gehalten hatte. Ich versuchte ruhig zu bleiben und zu helfen, war aber überfordert und er fuhr mich gereizt an. Ich ging trotzdem mit ihm zu der Stelle, wohin das Auto abgeschleppt wurde, und lieh ihm das Geld, damit er das Auto wieder bekam. Ich habe das Geld eigentlich selbst gebraucht und ich wusste, dass er es mir vorerst nicht zurück zahlen konnte, doch wenn er das Auto nicht am selben Tag abgeholt hätte, wäre es noch teurer geworden.

Die ganzen Ereignisse dieser Tage, haben mich ziemlich gestresst. Ich versuchte so sehr ich konnte für ihn da zu sein, doch es blieb kein Raum für die Emotionen, die das in mir ausgelöst hatte. Ich war besorgt oder verängstigt und erschöpft.

 

Ich wünschte mir mehr als alles andere, dass er mich in der Hinsicht besser verstehen könnte.

Mit meinen psychischen Problemen hatte er sich nie wirklich von selbst auseinander setzen wollen. Er nahm das alles nicht so ernst und riet mir immer wieder, einfach anders über die Dinge zu denken. Ein tiefer gehendes Gespräch gab es nie so wirklich, wenn überhaupt nur in Ansätzen immer dann, wenn ich es angestoßen und betont hatte, wie wichtig mir das ist.

Auch jetzt versuchte ich wieder, ihm etwas besser zu erklären, dass ich schon seit meiner Kindheit sehr sensibel war und mir Akzeptanz wünschte dafür, wie ich bin. Wieder reagierte er mit Unverständnis und tat dieses mir so wichtige Anliegen mit der Aussage ab, dass selbstverständlich niemand akzeptieren könne, dass ich psychisch krank sei.

Ich hatte während dieser Tage schon des öfteren Übelkeit und Zittern bei mir wahr genommen. Zunächst hatte ich es für eine Magenverstimmung gehalten. Doch nun erkannte ich, dass diese Symptome in unmittelbarem Zusammenhang mit diesen Vorkommnissen in unserer Beziehung standen. Am Morgen nach dem oben erwähnten Gespräch war ich unruhig, konnte nicht mehr schlafen, war angespannt und zitterte. Ich beschloss mich der Angst vor dem nächsten Wutausbruch zu stellen und ihn darauf anzusprechen. Ich sagte ihm, wie es mir ging und dass ich gern in meiner Sensibilität akzeptiert werden wollte. Auch dieses Gespräch lief nur mäßig gut. Er beschwichtigte mich ein wenig, aber das Gefühl wirklich verstanden zu werden hatte ich nicht.

Er schlug vor einfach noch etwas zusammen zu kuscheln. Das war oft seine Reaktion nach einem Streit, dass wir die Sache nicht wirklich klärten und stattdessen etwas Schönes machten. Das funktionierte eine Weile ganz gut, da ich auf seine Zuneigung meist ziemlich ansprang. Es fühlte sich schön an, dass er mit mir kuscheln wollte. Ich erinnerte ihn dennoch daran, dass er heute seinen Sohn besuchen wollte.

Als er nun weg fuhr, nutzte ich die Zeit, mich wieder hinzulegen und von den emotionalen Strapazen zu erholen.

 

Plötzlich klingelte es und ich schrak hoch. Verschlafen öffnete ich die Wohnungstür und mit wütendem Blick und Vorwürfen stand er auch schon in meiner Wohnung.

Er habe die ganze Zeit versucht mich anzurufen, alle ließen ihn im Stich, die Ex und Mutter seines Kindes habe ihm die Tür nicht geöffnet und mich konnte er auch nicht erreichen. Ich entschuldigte mich, dass dies so blöd gelaufen ist, aber betonte, dass es selbstverständlich keine Absicht war, da ich geschlafen habe.

Wütend hielt er mir vor, dass ich sonst auch niemals tagsüber schlafe. Offenbar glaubte er, dass ich ihn anlüge und ihn bewusst im Stich gelassen habe. Ich musste wieder weinen, weil ich zu Unrecht beschuldigt und angemotzt wurde und er mir nicht glaubte.

Als wir uns wieder eingekriegt haben, nahmen wir die Haushaltserledigungen in Angriff, die für heute anstanden. Dafür mussten wir auch in der Stadt unterwegs sein, um zu waschen und einzukaufen.

 

Während dieser gesamten Zeit, blieb das Gefühl der Anspannung, das Zittern und Herzrasen und ich dissoziierte, also stand völlig neben mir, war überfordert und fühlte mich wie in einem Traum, der Welt um mich herum fremd.

Bereits die Tage vorher hatte ich dieses Gefühl ja schon vernommen und nun war es ganz deutlich und hielt über Stunden hinweg an. Ich versuchte trotzdem durchzuhalten. Als ich uns zu Hause Erdbeeren schneiden wollte, fiel mir ganz deutlich auf, wie stark ich zitterte und dass ich es kaum zustande brachte die Erdbeeren zuzubereiten. Ich entschied mich dafür ihm ganz direkt und offen zu sagen, wie es mir ging, dass ich zitterte und das nicht weg ging.

Zunächst nahm er dies wertfrei zur Kenntnis und ich setzte mich hin. Er las ein wenig aus der Bibel vor, aber ich konnte kaum folgen. Mir war auch gar nicht nach Zuhören, da mich dies überforderte. Am liebsten wollte ich einfach nur ausruhen, doch ich traute mich nichts mehr zu sagen.

Als er nach einer Weile sah, dass ich noch immer emotionslos im Bett lag und das mitten am Tag, wurde er wieder sauer und fragte, ob ich jetzt mal damit aufhören könne, ob ich mal wieder normal sein könne, ob ich das extra mache, um ihn runter zu ziehen, und dass er eigentlich einen schönen Tag haben und etwas mit mir hatte unternehmen wollen.

Ich sagte ruhig, dass es mir leid tut, aber ich einfach nicht kann. Ich sagte, dass ich nichts daran ändern kann, wie es mir geht, und dass ich das nicht extra mache. Sein Zorn blieb. Er hatte kein Verständnis dafür. Er redete weiter fordernd auf mich ein und ich musste wieder weinen; … was ihn natürlich noch wütender machte.

Ich hatte inzwischen aufgegeben zu funktionieren und habe mir diese Schwäche erlaubt. Denn nur so konnte ich sehen, ob auch er sie mir erlaubt. Ich wusste, wenn er das nicht tat, würde ich mir Hilfe holen.

Ich hatte aufgrund meiner Angstzustände so große Angst, wieder in die Klinik zu müssen. Da es allerdings wieder so eskaliert war, telefonierte ich mit meiner Therapeutin und sagte dann meiner Schwester Bescheid, dass sie mich bitte abholen soll.

Darüber wurde er natürlich rasend vor Wut und als meine Schwester klingelte, verflüchtigte er sich in seine Wohnung.

 

Zitternd packte ich meine Sachen und fuhr mit zu meiner Schwester.

Im ersten Moment war ich erleichtert. Doch er weinte und versuchte mich im Minutentakt zu kontaktieren, rief an und schrieb mir, dass ich wieder nach Hause kommen soll. Seine Nachrichten wechselten immer wieder zwischen „Bitte komm zurück, lass mich nicht allein, ich geh kaputt, ich ändere mich, ich wusste nicht, dass das so schlimm ist.“ und „Ich bin dir scheiß egal, sonst würdest du mal kommen, wieso bist du so eiskalt.“ Zwar versuchte ich ihm zwischendurch immer wieder zu erklären, dass ich ihn nicht verletzen wollte, sondern diesen Abstand jetzt nach dem, was war, unbedingt brauchte. Doch an seinen Nachrichten änderte sich nichts. Noch immer schien er kein Verständnis zu haben und umso deutlicher wurde mir, dass ich den Abstand beibehalten muss.

Nach drei Tagen meldete er sich plötzlich überhaupt nicht mehr und blockierte mich sogar. Ich begann mir Sorgen zu machen und versuchte ihn anzurufen. Er schrieb nur knapp, dass er bei seinem Sohn sei. Mir fiel auf, dass immer dann, wenn er dort war, er kaum zu erreichen war. Ich schrieb, dass ich es schön fand, dass er etwas mit seinem Kind unternahm.

Am nächsten Tag hatte ich Therapie und fragte ihn, ob er mitkommen möchte. Ich wollte gern mit ihm an unseren Problemen arbeiten. Er fragte nur, ob ich ihm Geld leihen könne. Wir trafen uns und gleich wollte er wissen, ob ich ihm denn Geld geben kann. Dann unterhielten wir uns kurz. Er blieb ruhig und ernst. Ich war nervös. Er machte mir Vorwürfe dafür, dass ich abgehauen sei, und fragte, was denn meine Familie nun von ihm halte, dass er in deren Augen ja nun der Satan sein müsse. Ich merkte, dass er noch immer kein Verständnis dafür hatte und es ihm offenbar nur um sich selbst ging und ich fragte ihn, ob er gleich mit zur Therapie kommen würde. Er sagte ungefähr so etwas wie „was soll ich denn da?“

 

Meine Hoffnung auf eine gelingende Beziehung mit ihm schwand immer mehr.

Verzweifelt startete ich noch einen Versuch: „Bitte komm mit!“ – „Nee, ich hab meinem kleinen versprochen mit ihm zu grillen und fahre jetzt dahin.“ Ich war traurig.

Meine Therapeutin merkte sofort, dass ich zu aufgebracht war, um einen klaren Gedanken zu fassen, und sah wie ich zitterte. Sie half mir mit einer Übung mich zu beruhigen und dann erzählte ich ihr alles. Sie fragte mich, ob ich die Beziehung fortführen wolle und äußerte Zweifel daran, dass die Beziehung mir gut tat. Ich hatte außerdem Angst davor, was nun aus mir wurde und wo ich bleiben sollte. Sie sagte, dass ich das alles noch nicht wissen muss und nur einen Tag nach dem anderen planen kann. Das Gespräch half mir sehr und ich war entschlossen die Beziehung zu beenden.

Da ich ihn telefonisch nicht erreichte, sprach ich ihm den Entschluss auf die Mailbox. Dann schrieb er mir, dass ich ihm lieber schreiben solle, also wiederholte ich meine Nachricht im Chat. Ich bleib sachlich und respektvoll und sagte, dass ich es für besser hielt, die Beziehung fürs erste zu beenden, da wir einander immer wieder ungewollt weh taten.

Er las die Nachricht doch entgegnete nichts mehr darauf.

Noch am selben Nachmittag hatte ich eine Wohnungsbesichtigung und gönnte mir ein Eis. Ich tat alles, um mir gut zu tun und nach vorne zu sehen. Die kommenden Wochen blieb ich bei meiner Schwester und ging in Gemeinden, bat Menschen um Gebet und traf mich mit Freundinnen. Am Tag nach der Trennung hatte ich sogar einen Einsatz als Komparsin bei der Lindenstraße. Ich war anschließend noch in meine Wohnung gegangen, um zu schauen, wie ich mich dort fühlte und es fühlte sich gut an.

Doch dann plötzlich bekam ich beleidigende Nachrichten von seiner Ex, welche sie unter seine Bilder auf Instagram postete. Sie beleidigte mich als Hure und Miststück und fragte, ob es mir Spaß mache einer Frau und Kind den Mann und Papa weg zu nehmen.

 

Ein Stechen durchfuhr meinen Körper, ich begann zu zittern und bekam sofort Herzrasen, schwitzige Hände und Atemnot. Eine Panikattacke.

Ich schrieb ihm, warum sie mir sowas schrieb, dass er mir immer versicherte, dass sie auseinander gewesen seien und ich mich selbstverständlich nie zwischen ihn uns sein Kind stellen wollte. Auch diese Nachricht ließ er unbeantwortet. Auf ihrem Profil sah ich aktuelle Fotos von den beiden mit dem Hashtag #meinegeliebtefamilie

Ich war geschockt und fühlte mich verarscht. Er hatte doch immer betont, wie schlimm sie zu ihm gewesen sei und dass er am liebsten nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte, wenn sie nicht das gemeinsame Kind hätten.

Ich heulte und bat dann panisch meine Schwester mich abzuholen. Es war ihr nur möglich mich von der Bahnstation abzuholen, deshalb nahm ich eine Beruhigungstablette und fuhr super angespannt mit der Bahn ans andere Ende der Stadt.

Kaum im Auto meiner Schwester heulte ich wieder und hyperventilierte. Sie konnte mich etwas beruhigen.

 

Die folgenden zwei Wochen hatte ich jeden Tag Angstzustände.

Es war unerträglich täglich mit Herzrasen und Zittern in den Tag zu starten und völlig neben mir zu stehen. Den Geburtstag meiner Mutter überstand ich nur sediert auf Tabletten. Ich konnte nichts genießen und bei meiner Schwester und ihrem Freund aufzuwachen, erinnerte mich täglich daran, in welcher Situation ich mich befand. Ich sehnte mich nach Normalität und Selbstwirksamkeit. Zudem kam auch noch eine Email seiner Ex, in der sie sich entschuldigte und behauptete, dass er bei ihr immer schlecht über mich gesprochen und auch mehrfach Sex mit ihr gehabt habe. Sie seien nie auseinander gewesen und er sei plötzlich einfach kaum noch zu ihr und dem Kind gekommen und habe sie immer wieder blockiert. Auch diese Nachricht löste erneut eine Panikattacke bei mir aus. Ich wusste nicht mehr, wem ich trauen kann. Er hatte doch immer gesagt, sie sei so „gestört“ und „krank im Kopf“. Ich antwortete nicht, aber hatte wieder große Angst.

In der nächsten Therapiesitzung, in der meine Therapeutin mich erst einmal wieder per Übung erden musste, teilte ich ihr mit, dass ich nun glaube zu ahnen, woher meine Angstzustände kamen.

Ich hatte nie gelernt mich gesund abzugrenzen.

Und da er recht fordernd war, hatte ich wohl immer die berechtigte Angst, mich nicht mehr abgrenzen zu können.

Ich ging schließlich in meine Wohnung zurück, da ich etwas Normalität wollte. In meinen vier Wänden zu sein, fühlte sich gut an. Selbst für mich einkaufen, zu Hause aufzuräumen und so lange im Bett liegen zu können, fühlte sich gut an und gab mir Kraft. Die Angst hörte nun ebenfalls auf, doch nun machte sich an deren Stelle die Depression breit.

Ich war allein. Manchmal hörte ich ihn im Flur und die fehlende Nähe zu ihm, die in den letzten Monaten mein Alltag war, tat mir sehr weh. Alles in der Nachbarschaft erinnerte mich an ihn, da wir hier immer gemeinsam unterwegs waren.

Nach ein paar Tagen traf ich ihn im Flur.

 

Verlegen standen wir einander gegenüber. Er lächelte.

Er war wieder so charmant und süß wie am Anfang, sagte, er würde mich so gern umarmen. Ich war geschmeichelt, aber wollte eine schützende Distanz waren. Kurz darauf klopfte und klingelte er wieder mehrere Male bei mir und meine Angstsymptome kamen zurück. Ich fühlte mich bedrängt und nicht sicher. Ich schrieb ihm, das bitte zu unterlassen und er schrieb mir, dass ich ihm fehle und er mich zurück wolle.

Das fühlte sich gut an. Doch auch etwas bedrängend. Ich hatte bisher nicht den Eindruck, dass er Verständnis für alles, was vorgefallen war, hatte. Und auch als ich ihn auf die Nachrichten seiner Ex ansprach, tat er das lapidar ab mit der Aussage, dass das ja nicht stimme, was sie geschrieben hatte.

Ich hatte nicht das Gefühl, dass er sich wirklich um mich bemüht hatte, und blieb vorsichtig. Dennoch hoffte ich langsam wieder mehr Kontakt mit ihm zu haben und dabei zu lernen, mich besser abzugrenzen.

Da wir am Vatertag meinen Vater besucht hatten und dies der einzige Tag war, an dem ich mich für ein paar Stunden unbeschwert fühlte und lachen konnte, beschloss ich für eine Weile zu ihm zu gehen. Er wohnt mit seiner Frau in einer anderen Stadt, beziehungsweise sehr ruhig und ländlich. Die beiden haben sehr viele Tiere und seit kurzem auch ein Gästezimmer.

Ich durfte kommen.

Jetzt gerade bin ich seit ca 2 Wochen hier und schreibe diese Zeilen aus meinem Zimmer. Seit dem ersten Tag hier, geht es mir viel viel besser. Die Natur und die Tiere tun mir gut, ebenso wie mein Papa und seine Frau.

 

Doch einen krassen Rückschlag gab es noch.

Seine Ex versuchte wieder mich zu kontaktieren und blieb bei ihrer Aussage, dass die beiden während unserer Beziehung mehrfach Sex gehabt hätten und wollte von mir wissen, was der Grund für unsere Trennung gewesen sei, da er ihr gegenüber behauptet habe, er sei derjenige gewesen, der sich von mir getrennt habe.

Ich forderte von ihm, dass er, wenn es ihm ernst mit mir sei, dafür sorgen solle, dass sie damit aufhörte, da ich kein Vertrauen zu ihm aufbauen kann, wenn er immer wieder zu seiner Ex fährt, die behauptet, die beiden haben Sex miteinander gehabt. Er solle versuchen über das Jugendamt eine Regelung bezüglich Besuch von seinem Sohn zu erwirken.

Er entgegnete, dass ich eigentlich wissen müsse, dass er mit ihr nichts haben wollte, dass nichts zwischen ihnen gewesen sei, dass er nicht mehr zu ihr fahren würde, da es ihn selbst belastete, und dass er sich um seinen Sohn zu sehen ans Jugendamt wenden würde.

Am selben Abend und am nächsten Tag meldete er sich plötzlich wieder kaum und las auch meine Nachrichten erst Stunden später, wenn überhaupt.

Ich wurde wieder nervös und ahnte, dass er wieder bei ihr war. Doch wie konnte ich sicher sein?

Vorsichtig kontaktierte ich seine Ex. Ich wusste noch immer nicht, wie sie drauf ist und ob ich ihr trauen kann. Wir tauschten uns erst ein wenig aus und dann kam eine Sprachnachricht von ihr! Das krasse daran: ich hörte sie – und ihn. Er war bei ihr. Er merkte offenbar nicht, dass sie gerade eine Aufnahme für mich tätigte. Ich hörte, wie sie sich stritten. Ich hörte, wie sie ihn damit konfrontierte, dass er ihr immer wieder versprach sie zu lieben, aber weiterhin mit mir Kontakt habe. Ich hörte, wie er zu ihr sagte, dass ich ein krankes Spiel abziehen würde, dass ich die beiden auseinander bringen wolle, dass er selbstverständlich nur sie lieben würde.

 

Ich war schockiert und erleichtert zugleich. Jetzt wusste ich es.

Ich wusste, dass er mich angelogen hat. Ich wusste, dass er wieder bei ihr war. Ich wusste, dass sie recht hatte.

Sie sagte, „ich wollte es dir die ganze Zeit beweisen, aber wusste nicht wie.“ Wir tauschten uns aus über unsere Erfahrungen mit ihm und was in letzter Zeit wirklich vorgefallen war. Er hatte ihr gegenüber genauso schlechtes über mich behauptet, wie mir gegenüber über sie. Und nichts davon war wahr. Alles, was er über sie behauptet hatte, dass sie handgreiflich wurde, dass sie vor dem Kind trank oder Drogen nahm, all das traf nicht auf sie, sondern auf ihn zu. Ich merkte, dass alles was sie über ihn erzählte sich mit den Erfahrungen deckte, die ich mit ihm gemacht hatte. Ich merkte, dass sie eine kluge und reflektierte Frau zu sein schien. Und ich glaubte jetzt auch, dass er mich die ganze Beziehung über mit ihr betrogen hatte. Und sie mit mir.

Ich teilte ihm meine Enttäuschung mit und er rief mich weinend an. Er war sauer, dass ich mit ihr gesprochen habe und warf mir vor, ihm alles kaputt zu machen, denn er hätte dies nur zu ihr gesagt, damit er den Kleinen weiterhin sehen darf.

Ich glaubte ihm nicht mehr.

In den nächsten Tagen teilte er mir dann mit, wie dumm ich denn sei, dass ich es nicht gecheckt habe, dass er mich verarscht hat, dass er natürlich die ganze Zeit nur sie geliebt habe, er seine Familie über alles liebe.

Ich erfuhr außerdem, dass er vorhabe in meine Wohnung einzubrechen. Zum Glück habe ich vorbeugend all meine Wertsachen mitgenommen, denn er hatte mir schon vor Monaten mal Angst gemacht, indem er mir sagte, wie leicht man angeblich bei mir einbrechen könne.

Nun wusste ich, dass ich solange bei meinem Vater bleiben werde, bis ich eine neue Wohnung gefunden habe. Hier fühle ich mich sicher und hier geht es mir gut.

Doch ich bin sehr traurig über alles, was passiert ist.

Ich habe ihn geliebt. Und ich habe ihm geglaubt.

 

Bitte betet für ihn, denn es ist gut möglich, dass sein Verhalten krankhaft ist, er nicht zu Empathie fähig ist und kein Schuldbewusstsein hat. Er hat keine stabilen Beziehungen, lebt riskant und gefährlich und das Verhältnis zu seiner Familie ist verständlicherweise schlecht. Ich wünsche mir für ihn, dass ihm bewusst wird, dass Hilfe braucht, und ich wünsche mir, dass sein Leben nicht weiter bergab sondern wieder bergauf geht. Ich wünsche mir für ihn, dass sein Glaube an Gott nicht gespielt war, wünsche mir dass Gott sein Herz und seine Verletzungen heilt und ihm ein glücklicheres Leben schenkt.

Ich danke jedem einzelnen, der bis hier her gelesen hat für dein Interesse und deine Aufmerksamkeit.

Jetzt wisst ihr, warum ich im letzten Monat so abwesend war und warum es mir so schlecht ging. Macht euch keine Sorgen. Meine Therapeutin sagte in unserer letzten Sitzung zurecht: „Das Schlimmste haben sie überstanden.“

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