Liebesbrief von Borderline an Depression

Lieber Schatz,

ich möchte dir sagen, dass ich dich nach wie vor sehr liebe. So sehr wie am ersten Tag. Und ich glaube auch immer noch, dass unsere Beziehung eine Zukunft haben kann.

Vieles läuft nicht so, wie ich es möchte oder zu ertragen glaube. Aber was ich lernen muss, ist dass niemand anderes für meine Gefühle verantwortlich ist als nur ich selbst.

Das ist so scheiße schwer, wenn man ausgelöst durch das Verhalten eines Menschen Verletzung erfährt. Doch auch, wenn das Verhalten den Schmerz ausgelöst haben mag, die Ursachen liegen bei einem selbst. Ich bin demzufolge auch nicht verantwortlich dafür, wenn du dich angegriffen oder kritisiert fühlst, möchte mich jedoch trotzdem entschuldigen, dass mein Verhalten dafür gesorgt hat, dass du dich schlecht, gekränkt oder unter Druck gesetzt fühlst.

Tatsächlich liegt der Grund für unsere Verletzung jedoch in dem, was man glaubt, wovon man überzeugt ist. Und das sind für gewöhnlich sehr starke Konstrukte, die sehr schwer aufzulösen und zu verändern sind. Doch ich möchte lernen daran zu glauben und danach zu handeln, dass ich für meine Gefühle selbst verantwortlich bin. Ich werde daran mit Sicherheit noch sehr oft scheitern, weil sich diese neue Überzeugung erst mal langsam in mein Glaubenssystem übertragen muss und in den akuten Belastungssituationen erst mal schwer abrufbar sein wird.
Genau wie unsere gemeinsam erarbeitete Liste eines besseren Umgangs miteinander. Daran sind wir auch erneut gescheitert. Ein anderes Mal jedoch haben wir es geschafft uns wie vorgenommen einander gegenüber zu verhalten. Und so ist alles ein Prozess. Und zu diesem Prozess gehört ein Auf und Ab. Das ist auch etwas, was ich lernen will. Warum es vielleicht manchmal scheint, dass ich hohe Erwartungen habe ist, dass ich mich zum einen überfordert fühle, das heißt nicht weiß, wie ich diese Belastungssituationen handlen soll, und weil ich zum anderen große Angst habe, dass das ein Zeichen dafür ist, dass wir es nicht schaffen. Doch diese Angst zu überwinden und mir Kompetenzen zu erarbeiten mit Belastung umzugehen ist zu allererst meine eigene Aufgabe.

Natürlich, in einer Beziehung sollte man sich dabei unterstützen und einander helfen, mit Schwierigkeiten umzugehen, das ist auch nicht zu viel erwartet. Aber dass ich in dir meinen Retter sehe und mir wünsche, dass du alles mit mir gemeinsam bewältigst, verlangt zu viel von dir ab, der du selbst eigene Probleme zu bewältigen hast. Dies ist wahrscheinlich wirklich zu einem Teil ein Symptom meiner Krankheit. Ich will unterscheiden lernen, was Krankheit ist und was gesunde Bedürfnisse sind, für welche Bedürfnisse ich einstehen muss und womit ich zu weit gehe. Ich will lernen die krankhaften Verhaltensweisen zu kontrollieren. Ich will lernen selbst in die Hand zu nehmen, dass meine Bedürfnisse erfüllt werden, selbst dafür Sorge zu tragen, dass ich glücklich bin und dies – nicht nur aber vor allem – von innen heraus, von meiner inneren Haltung her. Und ich möchte auch lernen, dir deine Bedürfnisbefriedigung zuzugestehen, dir die Freiheiten zu geben, die du brauchst um glücklich zu sein und SEIEN sie auch mal unperfekt oder destruktiv. Dann muss ich dich notfalls trotzdem lassen und mich davon abgrenzen, auch wenn es schwer ist.

Zwar hatte ich nie vor dich aktiv einzuschränken und unglücklich zu machen, zwar wollte ich dich wirklich nur dazu bringen, mich zu verstehen und mit mir einen Kompromiss auszuhandeln, mit dem wir beide glücklich sind, doch ist es wohl ebenso destruktiv gegen deinen Willen anzukämpfen, sei es auch noch so kränkend, dass er manchmal Vorrang hat vor deiner Bereitschaft mit mir in die Konfliktlösung zu gehen. Zwang hilft nicht. Dann muss ich mich ebenfalls zurück ziehen und mich um mein Wohlbefinden kümmern, um nicht wieder unkontrollierte Ausbrüche meiner Krankheit zu erleben. Es ist leider so, dass ich sehr schnell empfindlich fühle, ob ich will oder nicht, und was mir in solchen Momenten am meisten hilft und neuen Halt gibt, sind Perspektiven, an die wir beide glauben, und zu wissen, dass ich noch geliebt und angenommen bin. Dein abwesendes, aufschiebendes und mich von deiner Gefühlswelt ausschließendes Verhalten ist da leider genau der Trigger, der mein Leiden noch verschlimmert, und dann erlebe ich die höchste Form der Anspannung und bin nicht mehr ich selbst – völliger Kontrollverlust und Panik.

Ich finde es sehr wichtig, dass wir darüber kommunizieren können. Also nicht auf der Ebene eines austauschbaren Konfliktauslösers wie ein Online-Spiel, eine andere Person oder das Radioprogramm – sondern auf einer Metaebene. Dass wir verstehen, was in uns selbst und beim anderen gerade abgeht und was er braucht. Und dass wir da auch einfühlsam und rücksichtsvoll drauf achten und nachfragen… uns aber auch selbst öffnen. Mir ist das wirklich sehr wichtig, dass du das lernst, denn ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass nur dann unsere Beziehung funktionieren kann.

Darüber hinaus möchte ich selbst wie oben schon beschrieben, an meinen Glaubenssätzen arbeiten, also daran glauben, dass ich allein für mein Glück verantwortlich bin, dass ich auch ohne dich wieder glücklich werden würde, dass ich durch Loslassen mehr erreiche als durch Drängen und dass ich vor allem meine Ängste in den Griff kriege und mir Bewältigungsstrategien aneigne.

Ich bin mir bewusst, dass das ein jahrelanger Prozess ist und möchte dir die unangenehme Frage stellen: willst du mich auf diesem Weg begleiten?

Deine Freundin, die dich von Herzen so liebt wie du bist, es nur noch nicht immer hinkriegt dir das auch durch ihre Worte und Taten zu zeigen.

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Rebecca

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Meine Mission ist: Forschen. Entdecken, mehr über uns Menschen, unsere Gemeinsamkeiten und Unterschiedlichkeiten, das was uns einzigartig macht und das was uns gemein ist, über Kommunikation - unsere Kommunikation. Wieso haben wir so viele Missverständnisse, wie Konflikte im Kleinen bis hin zu Kriegen? Frieden, Liebe bringen und Bewusstsein, Bewusstheit, bewusst werden von Mustern, automatisierten Abläufen. Höhere Perspektiven einnehmen. Heilen. Aufklären. Aufklären, wie es ist für Menschen, die psychisch leiden, die Gesellschaft dafür sensibilisieren. Verstehen. Liebe. Anderen Menschen Verständnis entgegenbringen. Zeigen, dass sie nicht allein sind. Sie nicht verurteilen. Wertschätzung. Authentizität. Offen sein. Transparent. Kein Verstecken. Kein Tabu. Zeigen, du bist nicht allein. Wir fühlen uns isoliert und allein. Wir fühlen uns komisch, schämen uns. Jetzt schämen wir uns nicht mehr. Es geht hier um Scham, nicht nur um allein sein. Ich kenn das ja selber. Ich fühle mich fremd. Es hat was mit fremd zu tun. Sich komisch fühlen. Sich schämen, dafür wie man ist. Teilen. Mein Leben teilen. Mein Erleben teilen. Meine Geschichte teilen. Inspirieren. Trost schenken. Wachrütteln. All das ist meine Mission.
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