Das Problem mit dem Ich

Ich bin Fabian, 20 Jahre alt, und habe schon so einiges erlebt. Mitunter vielleicht mehr als andere in meinem Alter.

Nun, was meine ich damit?

Ich meine negative Dinge, die mich irgendwie ganz schnell erwachsener gemacht haben, obwohl ich so schnell nicht erwachsen werden wollte.

Es fing schon im Kindergarten an, dass ich dort gemobbt wurde, weil ich anders war als alle anderen Kinder. Ich habe nicht gerne mit anderen Kindern gespielt, sondern war oft lieber für mich. So zog sich das alles bis letztes Jahr ‒ durch die Grundschule und die Realschule ‒ also quasi durch mein ganzes bisheriges Leben.

Als ich dann in der Grundschule war, wurde das Mobben schlimmer, da ich keine Markenklamotten trug und auch kein Interesse daran hatte mich mit Mitschülern nachmittags zu treffen, um mit ihnen zu spielen oder sonst irgendetwas zu tun.

Mir wurden so gut wie jede Woche meine Schulsachen kaputt gemacht, ich wurde geschlagen, getreten und bespuckt. Und das 4 Jahre lang. Mir wurde auch mehrfach in meinen Genitalbereich getreten, weil die Mitschüler das lustig fanden. Ob ich nun heute Kinder bekommen kann, weiß ich nicht.

Du fragst dich dann einfach nur, was du falsch gemacht hast.
„Was ist so verkehrt an mir?“

In der Realschule ging es dann wie in der Grundschule weiter mit alledem. Dort wurde ich dann allerdings schon zur Begrüßung geboxt und geschlagen.

Irgendwann kamen meine ersten Selbstmordgedanken und selbstverletztendes Verhalten. Sogar in der Schule habe ich mich selbst verletzt, einfach um mich selbst spüren zu können, denn alles war einfach nur noch taub.

Das ging so lange, bis ich das alles nicht mehr wollte und aus der achten Klasse raus ging in der Hoffnung, dass das besser wird. Und es wurde auch besser für einen kurzen Moment, denn ich hatte keinen Abschluss. Also musste ich nochmal in eine andere Schule, denn in meine alte wollte ich nicht mehr zurück.

In der neuen Schule habe ich dann meinen Hauptschulabschluss gemacht und war sogar der Klassenbeste. Aber auch all das habe ich nicht ohne Hindernisse geschafft, denn es kam ein Tag, an dem war alles zu spät. Von jetzt auf gleich brach ich in Tränen aus und dachte, ich sterbe. Noch nie habe ich in meinem Leben solch eine Angst verspürt.

 

Der folgende Text erzählt einen Teil meiner Geschichte.

 

Krank.
Psychisch Krank.
Pff! Naja, da steh ich da in der Schule, rauch meine Kippe gemütlich vor mich hin. Und dann, bäm, ein Schlag! Ein Knall in meinem Kopf. Es war einfach da. Ich hab erstmal schön hyperventiliert und geflennt. Hab ja auch nix Besseres zu tun.

Ich bin also verheult zur Klassenlehrerin gerannt. „Frau N., ich habe Angst.“ Sie starrt mich völlig entsetzt an. „Wieso hast du Angst?“ Ich heulte vor mich hin und antwortete ganz leise: „Keine Ahnung.“ ‒ „Geh mal raus an die frische Luft, atme tief ein und aus!“

Ich versuchte es, doch es funktionierte nicht. Noch immer hatte ich ein verheultes und hyperventilierendes Gesicht. Da meine Lehrerin wieder rein ging, war ich allein. Panisch rief ich meine Mutter an.

Als sie nicht ran ging, dachte ich bei mir: „Oh mann, sonst warst du auch für mich da. Verdammt! Jetzt stehe ich hier ohne dich und allein.“

Ich versuchte noch ein paar Male sie zu erreichen, bis ich schließlich meine Oma anrief. Ein Glück, sie hob ab. Besorgt versuchte sie mich zu beruhigen, doch ich fragte bloß: „Holt der Opa mich?“ ‒ „Ist es so schlimm?“ Ich bejahte und heulte weiter. Nun musste ich verheult zu so einem dämlichen Supermarkt laufen, wo ich auf meinen Opa warten sollte.

Da stand ich nun. Ich war inzwischen etwas ruhiger, doch zitterten meine Knie. Und alles andere. Eine Viertelstunde später stieg ich flennend ins Auto. Ich zitterte und hatte Ticks, fühlte mich leer und allein. Mein Opa starrte mich an, fragte jedoch nicht, was mit mir los war. Er schien zu schockiert zu sein, wie schockgefroren.

Ich fragte meinen Opa, ob ich das Fenster öffnen könne. Ich durfte. Wie ein Bekloppter betätigte ich den Fenstermechanismus. Frische Luft tat mir gut. Ich beruhigte mich und hörte auf zu weinen. Doch das Zittern blieb.

Bald war ich bei Oma und Opa zu Hause angekommen. Ich legte mich hin und versuchte zu schlafen. Doch ich hatte ich Angst zu sterben. Ich versuchte weiter einzuschlafen. Endlich gelang es mir ‒ mit Zittern ‒ eine halbe Stunde zu schlafen.

Später kam meine Mama und schaute mich an. Sie sah mich vorwurfsvoll und mit Tränen in den Augen an. Scheinbar hatte sie ein schlechtes Gewissen.

Ein paar Minuten später fuhren wir heim.
Ich zitterte weiter wie ein geschlachtet zu werdendes, bald totes Schwein.

Den ganzen Tag versuchte ich zu schlafen, doch wusste:
„Es stimmt irgendwas nicht mit mir. Ich bin krank.“

Also kam es so, dass wir nachts um drei ins Krankenhaus rasten. Oma und Opa waren dabei und saßen neben mir, als wir darauf warteten, dass ich dran kam. Irgendwann fing wieder das Heulen an. Ich wusste nicht, ist eine Lampe an oder ist es schwarz?
Ich konnte nicht still sitzen, zumindest nicht lang. So lief ich zwei Stunden ab und zu hin und her und starrte die Wände an.

Endlich war ich dran. Sie kontrollierten meinen Herzschlag, mein Blut ‒ es war alles okay. Sie ballerten mir ein Beruhigungsmittel rein.

Nun war ich zugedröhnt und müde. Keine Ahnung! War jemand da oder war ich allein?
Das hat reingeknallt, doch das war für mich in dem Moment total okay.

Sie wollten mich da behalten für eine Nacht. Ich sagte Nein. So holte uns Opa wieder ab und fuhr uns heim. Als ich mich dann hinlegte, pennte ich sofort ein.
So ging das zwei Monate.
Doch auch heute sind diese Panikattacken noch nicht weg. Sie sind zwar geringer, doch manchmal auch schlimmer.

Irgendwann konnte ich sie ziemlich gut kontrollieren und lernte damit umzugehen, sodass ich wieder am normalen Leben teilnehmen konnte.

Ein paar Jahre später, 2014, habe ich mich entschlossen eine Therapie zu machen. Über meinen Selbstmordversuch und meine Selbstmordgedanken war ich selber total erschrocken. Mir war alles zu viel. Ich wollte mich selbst umbringen, empfand mich als Müll. Ich fragte mich, ob Gott das alles vielleicht so für mich will.

Daraus, dass ich gemobbt und geschlagen wurde, entstand eine Borderlinepersönlichkeitsstörung ‒ und mit ihr sehr, sehr viele Narben. In meinem Kopf blieb ein Rattern. Zu meinen tausenden Fragen, kamen viele neue. Zudem kamen auch noch Depressionen und der Verdacht auf Schizophrenie hinzu.

Ich schließe die Augen.
Atme ein,
atme aus,
atme ein und aus.

Atme tief ein und aus,
sage mir: ich schaff das.

 

Doch es sind viele Jahre, erst dann wird ein Schuh draus.

 

Nun sitz ich wieder tagsüber in einer Klinik, schau in mich hinein, über mich hinweg. Ich empfinde mich ziemlich oft als Dreck.

Und doch bin ich froh, denn ich renne vor meinen Krankheiten nicht weg.
Ich hoffe eines Tages kommt wieder so ein Knall und es ist einfach wieder weg.

Ich mag mein Leben mal mehr und mal weniger, auch wenn es nicht oft nach Schokolade schmeckt.
Doch ich gebe nicht auf steh wieder auf. Bin im Hier und Jetzt.
Ich liebe dich, Welt.

Dies war mein Text.
Ich bin erstmal weg, doch ich komm wieder, keine Angst. Denn ich bin toll auf meine Art und Weise. Doch manchmal bin ich vielleicht eben auch Dreck.

Und durch all das habe ich mittlerweile ganz schön viele Diagnosen, die sich durch mein Leben ziehen.